Fackeln im Sturm
Nun ist es auch irgendwie geschafft, die große Schleife geht zu Ende. Damit ist nicht die Tour de France, sondern der traditionell stattfindende Fackellauf anlässlich der olympischen Spiele gemeint. Und was war das für ein schöner Anblick, selten befand sich die Fackel in so gesicherten Händen. Umringt von einer Heerschar von Polizisten und chinesischen “Tötungsmaschinen”, durfte das Flämmchen bei dann doch nicht so sicheren Umständen schon mal ausgemacht und/oder im Bus transportiert werden – nach dem Papa- nun das Olympomobil.

Die losgetretene Protestwelle sorgt vielerorts für verschiedenste Kreativitätsschübe. Dabei werden die Damen und Herren Olympioniken offiziell schnell in ihre Schranken verwiesen: Ressort Sport, nicht Politik. Die deutschen Politiker lassen sich hingegen das Fernbleiben zur Eröffnungsfeier der olympischen Spiele einfallen, um die chinesischen Offiziellen viel empfindlicher zu treffen als mit jeglicher Brandrede. Diese Berücksichtigung lokaler Gepflogenheiten ist ja sonst nicht fester Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Gleichzeitig erhofft man sich von diesem stillen Protest womöglich ein kleines Hintertürchen: Sollte der Affront zu groß ausfallen, könnte man immer noch versichern, dass man dies nicht vermutet hätte und sich im Nebel der Unwissenheit verstecken (was im Ausland wiederum sicher glaubwürdig wär). So eine Relativierung schärferer Proteste wäre auch Kamillentee für die chronischen Bauchschmerzen in der Wirtschaft.

Und der olympische Gedanke? Nun zum Glück wird in den Medien nur auf ihn verwiesen und seine Bedeutung nicht weiter vertieft. Und wenn schon? Der Fackellauf hatte wenig Anmutendes und wäre nicht das erste Symbol, das den Praxistest der Moderne nicht besteht. Vergleiche einfach die Friedenstaube, weiß, vor blauem Hintergrund – an sich eine ganz nette Idee. Doch wer denkt schon an Frieden, wenn eine weiße Taube den eigenen Weg kreuzt? Vielmehr bricht sich die Furcht Bahnen, die Flugratte könnte Tollwut oder Vogelgrippe haben. Drum sollten wir auch das olympische Feuer ad acta legen und vielmehr die Feuerchen zum Mai hin bestaunen. (Der geneigte Leser mag nun selbst interpretieren, was es über ihn aussagt, dass er als erstes an die brennenden Autos vom 1. Mai und nicht an die Lagerfeuer in der Walpurgisnacht dachte.)

Tag der Arbeit, Fête du Travail, der 1. Mai zu Christi Himmelfahrt für viele schon jetzt die Enttäuschung des Jahres 2008. Mittags besoffen mit dem Fahrrad um den See gondeln und abends besoffen Steine schmeißen – Deutschland bewegt sich. Nur die Arbeiter von ver.di nicht. Hier darf gestreikt werden wie schon lange nicht mehr. Und so könnte der Wonnemonat Mai auch zum schweißnassen Kuschelmonat im öffentlichen Personennahverkehr werden.
